Jahrgang 1965, Agraringenieurin, Mitglied des Landtages seit 2021. Sprecherin für Umwelt & Naturschutz, Landwirtschaft, Ernährung & Forsten sowie den ländlichen Raum. Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt. Wahlkreis: Mansfeld-Südharz, Betreuungswahlkreis: Landkreis Harz.
Fünf Fragen an Kathrin Tarricone. Die Agraringenieurin aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz blickt auf fünf Jahre Umwelt- und Agrarpolitik für die FPD im Landtag und spricht im Interview über den Apokalypse-Modus der Grünen, den Wolf als Raubtier, Forstwirtschaft als Lösung und pulsierende Landlust in Sachsen-Anhalt.
Das glaube ich schon – und vor allem der Duktus stört mich: immer gleich Apokalypse, morgen bricht hier alles zusammen. Das ist mitnichten so. Schauen wir mal 30 Jahre zurück, was die DDR hier hinterlassen hat - und was jetzt da ist. Wir schrauben an den Millimeterschrauben, wo wir vorher einen ganzen Maschinenraum umgebaut haben. Wir haben viel erreicht. Aber bitte nicht in diesem Drama-Modus.
Den Kontrapunkt setzen wir eigentlich immer. Da nenne ich besonders unsere Freunde, die Grünen, bei denen ja übermorgen die ganze Welt zusammenbricht. Das muss man ins richtige Licht rücken. Vernunft statt Verbote - das ist unser Ansatz. Und das bedeutet konkret: Bürokratieabbau in Genehmigungsverfahren, Planungssicherheit für Landnutzer, Eigentumsrechte. Naturschutz funktioniert nur, wenn er die Menschen mitnimmt, die die Flächen bewirtschaften. Nicht gegen sie.
Ein konkretes Beispiel: die verpflichtenden Flächenstilllegungen. Landwirte mussten einen Teil ihrer Äcker aus der Produktion nehmen - nicht weil die Flächen erschöpft waren, sondern weil Brüssel es so wollte.Mitten in einer Zeit, in der Versorgungssicherheit wieder ein Thema ist. Das ist Ideologie, die auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen wird. Wir haben uns für die Abschaffung dieser Pflicht eingesetzt - und das war ein Sieg der Vernunft.
Ich lasse mich da gerne kritisieren – da freue ich mich sogar drauf. Unsere Auffassung als Freie Demokraten ist: Der Wolf ist ein Raubtier. Er lebt hier in einem dicht besiedelten Raum, wo Nutztiere gehalten werden und wo Menschen Angst haben. Das muss man realisieren. Wir als FDP schlagen Brücken – der Wolf soll nicht ausgerottet werden. Aber er muss in einer Bestandsgröße gehalten werden, dass wir vernünftig mit ihm umgehen können.
Bestandsmanagement heißt: klare Regeln, wann und wie der Wolf bejagt werden darf. Das muss so normal sein wie die Bejagung eines Rehs oder eines Wildschweins. Mit der Aufnahme ins Jagdrecht haben wir den ersten Schritt gemacht – ich gebe offen zu: nur den ersten. Die Weidetierhalter haben zu lange gewartet. Da müssen wir weitergehen.
Und dabei ist die Jägerschaft unser wichtigster Partner. Jäger sind keine Naturzerstörer. Sie sind Naturschützer. Sie kennen die Reviere, sie beobachten die Bestände, sie regulieren. Wer Jäger und Naturschutz als Gegensätze begreift, hat weder das eine noch das andere verstanden.
Hören wir bitte nicht auf die Miesmacher und Apokalypse-Bewunderer. Das sind keine Sachsen-Anhalter.
Kathrin Tarricone (FDP)
Forstwirtschaft ist ein gutes Thema. Und ich ärgere mich über Leute, die es schick finden, wenn man Wald nicht bewirtschaftet. Das ist exakt der falsche Weg. Ich lade alle gerne in den Harz ein. Da sieht man eindrucksvoll, was passiert, wenn man Monokulturen sich selbst überlässt. Die Wälder müssen vielfältiger werden, klimastabiler. Das ist das Ziel - und das erreicht man nicht mit Verboten, sondern mit kluger Bewirtschaftung.
Dafür wünsche ich mir, dass wir den Waldbesitzern und Forstwirten mehr Raum für Entscheidungen lassen. Das sind die Fachleute - da hat die Politik nichts zu quackern. Wir definieren das Ziel: klima-stabile, nutzbare Wälder. Beim Waldumbau muss entscheidend sein, dass die Wahl der Baumarten zum Standort passt und nicht zu einer Ideologie.
Wir haben in dieser Legislatur die jahrelange Konfrontation zwischen Landesregierung und Waldbesitzern beendet und zusätzliche Fördermittel für den Privatwald bereitgestellt. Das war längst überfällig.
Und dann ist da noch Holz: Ein nachwachsender, CO2-bindender Rohstoff, der Stahl und Beton ersetzen kann. Wer das verteufelt, versteht Klimaschutz nicht. Und auch die Jagd gehört dazu: Angepasste Wildbestände sind die Voraussetzung dafür, dass junge Bäume aufwachsen können.
Wir müssen raus aus dem Korsett, in dem sich Landwirte noch immer befinden. Ich frage mich eigentlich, warum die sich das so lange gefallen lassen. Dass es da Hinweise gab, haben wir an den Protesten gesehen. Wir haben hohe Ansprüche an unsere Bauern: schmucke Landschaft, vernünftige Tierhaltung, tolle Lebensmittel. Aber damit sie das alles erfüllen können, geben wir ihr nicht alle Werkzeuge in die Hand. Das ist mega unfair.
Was es braucht: Planungssicherheit, Vertrauen - und endlich moderne Werkzeuge. Die grüne Biotechnologie, neue Züchtungsmethoden über die CRISPR-Genschere, präzisere Düngung - das sind Innovationen, die Landwirte wollen und die der Umwelt nützen. In Gatersleben [im Salzlandkreis, Anm. der Redaktion] haben wir eine der weltgrößten Genbanken für Kulturpflanzen. Diesen Schatz müssen wir nutzen. Sachsen-Anhalt ist hier in der Pole Position.
Die bereits genannte Abschaffung der verpflichtenden Flächenstilllegungen war ein erster richtiger Schritt. Aber es braucht mehr davon. Landwirtschaft ist keine Freizeitbeschäftigung - sie ist systemrelevant. Wer Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss Landwirten ermöglichen, ihre Flächen vollständig zu nutzen, mit modernen Methoden zu wirtschaften und langfristig zu planen.
Problemzonen? Da fallen mir ganz andere Dinge ein – ganz sicher nicht der ländliche Raum. Leute, die dort leben oder hinziehen, die lieben doch genau das, was dort vorzufinden ist. Und denen muss ich nicht immer erzählen: Ihr seid Opfer, weil der ÖPNV nicht fährt. Klar, wir brauchen ein Auto auf dem Land. Das sollten wir nicht verteufeln. Hören wir auf, uns die Probleme vorzuerzählen. Der ländliche Raum pulst vor Landlust.
Ich lebe das selbst und ich sage es ohne jede Romantisierung: Der ländliche Raum hat Chancen. Landwirtschaft als wirtschaftliche Kraft, Natur als Lebensqualität, Gemeinschaft als soziales Kapital. Und die Voraussetzungen werden besser. Glasfaser im Dorf, Homeoffice als neue Normalität - das alles verändert, was es bedeutet, auf dem Land zu leben. Man muss nicht mehr in die Stadt, um modern zu arbeiten. Das ist eine Riesenchance für Sachsen-Anhalt.
Was es braucht, ist eine Politik, die ermöglicht statt verhindert, die nicht moralisiert, sondern Vertrauen schenkt. Die größte Stärke Sachsen-Anhalts sind seine Menschen. Die sind fantastisch, innovativ und lebenszugewandt. Hören wir bitte nicht auf die Miesmacher und Apokalypse-Bewunderer. Das sind keine Sachsen-Anhalter.
• Grüne Biotechnologie
Die FDP hat im Landtag eine Aktuelle Debatte zu den Chancen der grünen Biotechnologie für die heimische Landwirtschaft angestoßen. Sachsen-Anhalt mit dem Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben (Salzlandkreis) ist Forschungsvorreiter. Neue Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas ermöglichen klimaresistente Kultursorten.
• Hochwasserschutz
Die Liberalen im Landtag haben Priorität auf einen intelligenten Hochschwasserschutz gelegt, der Sicherheit für Menschen und Infrastruktur schafft, ohne Naturräume unnötig einzuschränken.
• Rote Gebiete
Die FDP-Landtagsfraktion hat sich für eine verursachergerechte Ausweisung der nitratbelasteten „roten Gebiete" stark gemacht. Die Kulisse basiert auf Grundwassermessstellen - deren Netz war in Sachsen-Anhalt lange unzureichend, was Landwirte auf Basis veralteter Daten mit übermäßigen Düngeauflagen belastete. Ende 2025 wurde die behördliche Überwachung in den „roten Gebieten" vorerst ausgesetzt – ein erster Schritt in die richtige Richtung.
• Wasserrückhalt
Ein neues Wassergesetz ist im Herbst 2025 in Kraft getreten und setzt einen Paradigmenwechsel durch: Statt lediglich abzufließen, soll Wasser auch in der Fläche gehalten werden – als Schutz vor Dürre in der Land- und Forstwirtschaft. Gleichzeitig werden Bürger und Eigentümer vor übermäßigen Kosten geschützt und die regionalen Unterhaltungsverbände gestärkt.
• Fischereigesetz modernisieren
Die Koalition hat das Landesfischereigesetz modernisiert: Kinder ab 8 Jahren können einen Friedfischfischereischein erwerben, der ohne erneute Prüfung über das 18. Lebensjahr hinaus gültig bleibt. Eine kleine Änderung mit großer Wirkung – sie stärkt das Ehrenamt, fördert den Nachwuchs und unterstützt den mitgliederstärksten Naturschutzverband im Land: die Angler.
Dass dieses Lebensgefühl, ein Sachsen-Anhalter zu sein, die Menschen gleich mal zehn Zentimeter größer macht
Ich möchte mithelfen – und zwar möglichst an der Stelle, wo die Freien Demokraten jetzt sitzen: im Landtag von Sachsen-Anhalt. Um die Geschicke dahin zu bringen, wie ich mir Sachsen-Anhalt erträume. Zuversichtlich, stolz auf sich selbst, auf seine Leistungen. Sich nicht klein machen.
Ich wünsche mir, dass man mit breiter Brust sagen kann: Ich komme aus Sachsen-Anhalt - guck mal, was wir hier für tolle Sachen haben. Und dass dieses Lebensgefühl, ein Sachsen-Anhalter zu sein, die Menschen gleich mal zehn Zentimeter größer macht. Das wäre mein Traum.
– Kathrin Tarricone
FDP-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt SO SIEHT MACHEN AUS | 2021–2026
V.i.S.d.P: FDP-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt, Domplatz 6–9, 39104 Magdeburg Vorsitzender: Andreas Silbersack
Redaktion: Robert Richter Fotos: Hans Eckardt
Redaktionsschluss: 30. Juni 2026