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Jörg Bernstein, MdL

„Gute Bildung braucht Freiheit“

Zur Person

Jahrgang 1966, Berufsschullehrer, Mitglied des Landtages seit 2021. Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt sowie Sprecher für Bildung und Finanzen. Wahlkreis: Dessau-Roßlau, Betreuungswahlkreis: Landkreis Wittenberg.

Fünf Fragen an Jörg Bernstein. Der Berufsschullehrer aus Dessau-Roßlau spricht über fünf Jahre Bildungs- und Finanzpolitik als FDP-Landtagsabgeordneter: ehrliche Antworten auf den Lehrermangel, die Digitalisierung im Unterricht, die Finanzierung Freier Schulen und warum er das niederländische Schulsystem für vorbildlich hält.

01

Lehrermangel
Viele Eltern erleben Unterrichtsausfall und Lehrermangel an den Schulen. Wenn Sie ehrlich Bilanz ziehen: Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren wirklich spürbar verbessert?

Zunächst muss ich ganz klar sagen: Ich kann jeden Elternteil verstehen, der die Situation beklagt. Der Ehrlichkeit halber muss man auch sagen: Lehrer werden wir uns nicht backen können. Das Problem wird fortbestehen - das wäre unehrlich zu leugnen.

Aber was sich tatsächlich verbessert hat, sind die vielen Maßnahmen, die dem Unterrichtsausfall entgegenwirken. Seiteneinsteiger, Schulverwaltungsassistenten, Digitalassistenten - und neue Organisationsmodelle wie das 4-plus-1-Modell: vier Tage regulärer Unterricht, ein Tag zur freien Verfügung für die Schule. Ob als Praxislerntag mit externen Anbietern oder als Tag für digitale Unterrichtsangebote. Das gibt den Schulen echten Spielraum und entlastet die Lehrkräfte.

Gerade im organisatorischen Bereich haben die Schulverwaltungsassistenten dafür gesorgt, dass Lehrerinnen und Lehrer sich wieder auf das konzentrieren können, wofür sie ausgebildet wurden: den Unterricht.

Diese Maßnahmen greifen besonders dort, wo die Versorgungssituation am schwierigsten ist: in den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Gerade dort, wo der Druck am größten ist, zeigen diese Modelle Wirkung. Das ist noch keine Lösung des Problems, aber ein echter Schritt in die richtige Richtung.

02

Digitales
Sachsen-Anhalt war bei der digitalen Ausstattung und beim digitalen Lernen lange nicht vorne dabei. Hat sich das geändert – und reden wir da eigentlich nur über bessere Technik?

Der Hinweis ist völlig berechtigt, und ich sage es klar, auch aus meiner Erfahrung als Berufsschullehrer: Gute Ausstattung macht noch keinen guten Unterricht. Das ist bei analogen Unterrichtsmitteln so und bei digitalen genauso. Es kommt immer auf das Engagement der Lehrkräfte an.

Was die Ausstattung anbelangt, haben wir aber wirklich einen Schritt gemacht. Bei der Netzanbindung der Schulen zum Beispiel: Zum Amtsantritt der jetzigen Koalition lag sie etwas über 50 Prozent. Jetzt sind wir bei knapp unter 100 Prozent. Alle Schulen, die das wünschen, haben einen Glasfaseranschluss. Über die Digitalpakte 1 und 2 wird die technische Situation in den Schulen weiter verbessert.

Was mich aber besonders stolz macht: Seit Anfang 2023 gibt es im Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung eine eigene Abteilung für Digitalität in der Bildung.

Damit haben wir die Digitalisierung aus dem Projektmodus herausgeholt - keine auslaufenden EU-Projekte mehr, keine Mitarbeiter, die danach auf der Straße stehen.

Eine feste organisatorische Einheit, die nachhaltig arbeitet. Die Lernwelt Sachsen-Anhalt, der Einsatz von Kl in der Bildung - das sind Meilensteine, die bundesweit Beachtung finden.

03

Freie Schulen
Schulen in freier Trägerschaft sind der FDP besonders wichtig. Warum – und was wurde da konkret erreicht?

Wichtig sind sie uns deshalb, weil in diesen Schulen oftmals sehr fortschrittliche pädagogische Modelle gelebt werden, mit größerer Freiheit und mehr Spielraum. Sie können beispielhaft für das gesamte öffentliche Schulwesen sein und zeigen, was möglich ist, wenn man Schulen mehr Freiheit lässt. Wir sehen sie nicht als Lückenbüßer, sondern als wertvolle Ergänzung. Und diese Ergänzung verdient entsprechende finanzielle Förderung. Eine faire Finanzierung für alle Schulen. Das war von Anfang an unser Anspruch.

Ganz zu Beginn der Legislatur haben wir da etwas Wichtiges geschafft: einen pauschalen Zuschlag von 6,35 Prozent auf die regulären Schülerkostensätze – als Übergangslösung, ich sage es salopp – aber sie hat die Schulen in dieser Phase finanziell stabilisiert und ihnen Sicherheit gegeben.

Und dann, mit dem Haushaltsbegleitgesetz 2025, haben wir ein neues Finanzierungsmodell in Kraft gesetzt. Es basiert transparent auf den tatsächlich ermittelten Kosten des öffentlichen Schulwesens und schafft eine höhere Planbarkeit. Der Weg dahin war nicht immer geradlinig. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt besuchen allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft. Diese Schulen wissen jetzt besser, woran sie sind. Und das war unser Ziel.

04

Finanzen
Sie sind nicht nur Bildungspolitiker, sondern auch Sprecher für Finanzen. Die einen sagen: Mit zu viel Haushaltsdisziplin gefährdet man Investitionen. Die anderen sagen: Sondervermögen verschieben Probleme nur auf morgen. Wie sehen Sie das?

Ganz klar: Haushaltsdisziplin ist nicht verhandelbar. Das sage ich als Vertreter der Liberalen unmissverständlich. Die finanzielle Situation wird in den nächsten Jahren nicht leichter, die Einnahmen sind begrenzt, die Aufgaben wachsen. Wir müssen an den Ausgaben arbeiten, ehrlich und konsequent. Das Thema Personal beim Land ist dabei ein ganz zentraler Punkt. Und wir sollten aufhören, Probleme auf morgen zu verschieben.

Aber Haushaltsdisziplin bedeutet nicht, auf Investitionen zu verzichten. Welcher private Hausbauer finanziert sein Haus vollständig aus Eigenkapital? Das wird im Regelfall nicht möglich sein. Solange Kredite nicht in Konsum versickern, sondern sich beispielsweise in Beton manifestieren – in Schulen, in Straßen, in Infrastruktur –, ist das vertretbar und richtig. Ein gutes Beispiel ist die Immobilien- und Projektgesellschaft Sachsen-Anhalt, die gegründet wurde, um die ganz großen Bauvorhaben des Landes seriös zu finanzieren: das Universitätsklinikum Magdeburg, das Landeskriminalamt. Das sind Investitionen in die Zukunft.

Gleichzeitig müssen wir neue Wege erschließen, wie wir privates Kapital für öffentliche Infrastruktur gewinnen können. Da ist noch erhebliches Potenzial, das wir in der nächsten Legislatur heben sollten.

05

To-do-Lise
Was bleibt unerledigt und was wollen Sie in der nächsten Legislatur unbedingt voranbringen?

Was mir in negativer Erinnerung geblieben ist, ist die zersplitterte Verantwortung im Bildungsbereich. Für Kitas ist das Sozialministerium zuständig, für die Schulen das Bildungsministerium, für die erste Phase der Lehramtsausbildung das Wissenschaftsministerium, für die zweite Phase wieder das Bildungsministerium. Und über allem wacht das Finanzministerium. Das sind vier Ministerien für ein Bildungssystem. Das muss sich ändern. Wir brauchen eine einheitliche Verantwortung, die den gesamten Bildungsweg vom Kindergarten bis zum Lehramt zusammendenkt.

Und dann ist da noch ein Gedanke, der mich seit einer Ausschussreise in die Niederlande nicht loslässt: Warum vergeben wir nicht einen festen Schülerkostensatz an jeden Schulträger – ob frei oder öffentlich – und lassen die Schulen vor Ort entscheiden? Über Einstellungen von Lehrkräften, Standortfragen, pädagogische Konzepte. Was wäre, wenn wir den Schulen wirklich vertrauen würden?

Wenn man den Verantwortlichen den finanziellen Rahmen vorgibt und sagt, damit könnt ihr machen, was ihr wollt – im Rahmen der Schule natürlich –, dann liegt die Verantwortung tatsächlich dort, wo man sich am besten mit den örtlichen Gegebenheiten und Anforderungen auskennt. Und das ist, glaube ich, auch eine Aussage, die sollte eigentlich jeder Liberale voll unterstützen können.

SO SIEHT MACHEN AUS

• Schulfach Wirtschaft

Ab dem Schuljahr 2026/27 wird Wirtschaft als eigenständiges Schulfach an Gymnasien in Sachsen-Anhalt eingeführt. Unternehmerisches Denken, wirtschaftliche Zusammenhänge, finanzielle Grundbildung - das sind Kompetenzen, die junge Menschen brauchen. Die FDP hat dieses Schulfach durchgesetzt und will es auf weitere Schulformen ausweiten.

• Freie Schulen - Finanzierungsmodell

Die Liberalen drangen von Anfang auf eine faire und angemessene Finanzierung der Schulen in freier Trägerschaft. Das neue Berechnungsmodell richtet sich nun nach klar nachvollziehbaren Zahlen anhand der Kosten im staatlichen Schulwesen.

• Arbeitszeitkonten für Lehrkräfte

Lehrkräfte können geleistete Mehrarbeit nun auf freiwilligen Lebensarbeitszeitkonten ansparen und später ausgleichen – als Sabbatjahr, als Freistellung vor dem Ruhestand oder als Reduzierung der Pflichtstunden. Eine Initiative der FDP – vom Landtag beschlossen.

• Startchancen-Schulen (Talentschulen)

Die FDP hatte im Wahlkampf Talentschulen gefordert – Schulen mit gezielter Förderung dort, wo sie am meisten gebraucht wird – an Standorten in herausfordernden Lagen. Bundesweit wurden sie unter Regierungsbeteiligung der FDP als Startchancen-Schulen eingeführt, 

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davon in Sachsen-Anhalt. Das Versprechen wurde eingelöst:

Hier werden Schüler und Lehrerkräfte gezielt unterstützt, um den Bildungserfolg von den Voraussetzungen im Elternhaus zu entkoppeln und jedem Kind gerechte Chancen zum Start ins Leben zu geben.

• Duale Lehramtsausbildung

An der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität wurde die duale Lehramtsausbildung für Lehrkräfte an Sekundarschulen gestartet. Studium und Praxis sind wesentlich enger verzahnt, es wird eine Ausbildungsvergütung gezahlt und Sachsen-Anhalt wird im Wettbewerb um angehende Lehrkräfte attraktiver.

Mein Traum für Sachsen-Anhalt

Unser Bundesland weltweit als Marke positionieren

Mein Traum für Sachsen-Anhalt - speziell auch als Dessau-Roßlauer - wäre es, wenn wir es schaffen würden, unser Bundesland als Marke so gut landes-, europa- und meinetwegen auch gerne weltweit zu positionieren, dass wir dem Bevölkerungstrend, der bis jetzt immer nur nach unten zeigt, komplett entgegenwirken können. Als attraktiver Wohnstandort, als attraktiver Arbeitsstandort mit vielen innovativen, gut bezahlten Ar-Innovative Arbeitsplätze entstehen dort, wo gut ausgebildete Menschen sind.

Deshalb ist Bildung für mich kein Luxus - sie ist die Voraussetzung für alles andere. Gute Bildung ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Und ein selbstbestimmtes Leben braucht Freiheit: die Freiheit, den eigenen Bildungsweg zu wählen, und den Mut der Politik, den Menschen zu vertrauen, statt alles zu regulieren.

– Jörg Bernstein

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FDP-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt   SO SIEHT MACHEN AUS | 2021–2026





V.i.S.d.P: FDP-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt, Domplatz 6–9, 39104 Magdeburg Vorsitzender: Andreas Silbersack





Redaktion: Robert Richter Fotos: Hans Eckardt

Redaktionsschluss 30. Juni 2026